Kein TATORT mehr …

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TATORT PADERBORN ist zu Ende. Am 8. September 2014 begann der Abbau. Mit diesem letzten Blog-Beitrag verabschieden wir uns und blicken noch einmal zurück:

Die Arbeiten der Künstler/innen haben die Fußgängerzone verlassen und damit die Vorzeigemeile, das Goldene Pflaster, aber auch die Unorte und Schmuddelecken im Zentrum der Stadt. Die autofreien Einkaufsmeilen – erdacht in der Wirtschaftswunderzeit – sind heute fast überall Problemzonen. Kurator Florian Matzner (München) lud im Auftrag der Stadt Paderborn zwölf international arbeitende Künstler/innen und Künstlergruppen zur Auseinandersetzung mit diesem schwierigen Raum ein.

Irritationen
Gleich zu Beginn der rund 500 Meter langen Westernstraße hatte der Münchner Künstler Benjamin Bergmann „schmutzige Wäsche gewaschen“ und oben auf einem Brunnen aus den 1970er-Jahren aufgehängt. Das polarisierte. Was mitten in Venedig pittoresk wirkt und für Urlaubsgefühle sorgt, ist in einer deutschen Innenstadt fehl am Platz. Wer lebt denn schon hier? Und die wenigen, die über den Läden wohnen, zeigen so Privates nicht in der Öffentlichkeit.

Kontraste
Nur wenige Meter weiter trafen Gegensätze aufeinander: Die Trash-Skulptur White Elephant, die der Düsseldorfer Künstler Markus Ambach den Paderbornern in den (Einkaufs-)Weg gestellt hat und das Stadtvergoldungsprojekt von Verena Seibt und Clea Stracke. Der „Weiße Elefant“ bestand aus Werbeschildern und Stadtmobiliar aller Art, Gegenstände, die jeder kennt, aber kaum jemand hinterfragt, wenn sie nicht so konzentriert auftauchen wie hier. Nicht wirklich verwunderlich, dass diese Arbeit häufiger zum Ziel für Zerstörungen wurde. Fast in Sichtweite hatte Paderborn Goldenes Pflaster bekommen. Die Münchner Künstlerinnen belegten in aufwändiger Feinarbeit mehrere Quadratmeter der Fußgängerzone mit Blattgold. Ein Hingucker – sollte man meinen und ein Experiment. Doch wenn die Gold-Baustelle abgeräumt und die vergoldete Fläche freigegeben wurde, bemerkten nur wenige Menschen den Wert unter ihren Füßen. Reizüberflutung in der Einkaufszone. Überall ist es bunt und laut, es blinkt und leuchtet. Dem widersetzte sich auf subtile Weise die Arbeit von Silke Wagner. Ihr Pfau aus Neonröhren – dem Paderborner Stadtsymbol nachempfunden – leuchtete erst nach Münzeinwurf und nur für wenige Sekunden. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, war er bei den Paderbornern beliebt.
Im Dauergebrauch waren dagegen die Chairs to Share, die leuchtend bunten Sitz- und Kommunikationsmöbel, die Dorothee Golz an einer Stelle installieren ließ, an der sonst die grauen, städtischen Drahtsessel wenig einladend wirkten. Dass manche Chairs nur halbe Sitzflächen boten, schien nur wenig zu irritieren. Eine Skulptur zum Gebrauchen – das kam gut an und könnte bleiben, meinten viele.

Nachwirkungen
Zu den Lieblingsarbeiten gehörte zweifelsfrei auch Hortus Oblitus, ein Urban Gardening-Projekt von Ooze Architects aus Rotterdam. Der moderne Klostergarten, bestehend aus Hochbeeten, wird in Paderborn nachwirken. In Segmente zerlegt und von unterschiedlichen Initiativen betreut, sollen die großen Pflanzkisten jetzt zu Keimzellen für kollektive Nutzgartenprojekte im Stadtraum werden.
TATORT PADERBORN 2014 war das zweite temporäre und thematisch ausgerichtete Kunstprojekt im öffentlichen Raum der ostwestfälischen Stadt. Provokant, mit Witz und künstlerisch-analytischem Blick auf die Fußgängerzone rückte es ins Bewusstsein, was sonst unsichtbar ist und thematisierte innerstädtische Problemfelder. Das Kunstprojekt bleibt ein Beitrag zur Diskussion, die nicht mit dem Abbau endet.
Am Kunstprojekt TATORT PADERBORN nahmen teil: Markus Ambach (Düsseldorf), Benjamin Bergmann (München), Claudia Brieske (Berlin), dilettantin produktionsbüro (Bremen), Dorothee Golz (Wien), Christian Hasucha (Berlin), Huang Yong Ping (Paris), M+M, Martin De Mattia und Marc Weis (München), Ooze Architects (Rotterdam), Raum für Kunst (Künstlerkollektiv Paderborn), Verena Seibt und Clea Stra-cke(Köln/München), Silke Wagner (Frankfurt). Kurator: Florian Matzner (München).

Bleibendes in Buchform
Der Katalog mit grandiosen Fotos und erklärenden Texten ist im Buchhandel und in der Städtischen Galerie Am Abdinghof erhältlich. Das deutsch/englische Buch im Format 210 x260 mm kostet 29,95 Euro. ISBN 979-3-86678-952-4, Kerber Verlag Bielefeld

Wie geht es weiter?
Das ist noch offen. Der Paderborner Kulturausschuss tagt Anfang 2015. Vielleicht beschließt er irgendwann, zu einem neuen TATORT PADERBORN einzuladen, mit einen anderen wichtigen Thema des öffentlichen Raumes. Schön wär‘s, weil’s 2014 interessant, spannend und überraschend war.

Tschüss und DANKE für das Interesse, für Anregungen, Kritik und Austausch, sagt das Social-Media-Team vom TATORT PADERBORN

  1. Christoph Gockel-Böhner

    Ciao.