Was passiert im Zentrum der Städte? TEIL 1

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Foto © Stadt Paderborn

Und was erwarten wir eigentlich von einer Fußgängerzone?
Autor: Jörg Biesler

Flanierende Menschen bei Sonnenschein, Blumenrabatten; im Hintergrund historische Gebäude oder ein Brunnen, dessen Figurenprogramm von der Geschichte der Stadt erzählt; Eiscafés und Restaurants, die ihre Tische nach draußen gestellt haben, der Wochenmarkt – mediterranes Flair inmitten von Einkaufsmöglichkeiten, Kulturangeboten und Sehenswürdigkeiten. So sehen typischerweise die Bilder aus, mit denen das Stadtmarketing das Image einer deutschen Groß- oder Mittelstadt pflegt. Sie zeigen die Fußgängerzone als Aushängeschild, exemplarisch für die ganze Stadt. (…)
Dass dieses Idealbild städtischen Lebens sich kaum decken kann mit der alltäglichen Erfahrung jedes Einzelnen, liegt auf der Hand und bedarf keiner weiteren Erläuterung. Anders die Frage, ob diese Inszenierung überhaupt als Idealbild städtischen Lebens überzeugt und warum sie so oft gewählt wird, um eine Stadt attraktiv erscheinen zu lassen. Was erwarten wir eigentlich von einer Fußgängerzone, vom öffentlichen Raum?

„Inbegriff und Symbol für Gleichheit, Toleranz und demokratische Stadtkultur”
Wahrscheinlich verbinden sich in unserer kollektiven Erinnerung Bilder von der griechischen Polis über mittelalterliche Märkte bis zu Urlaubserinnerungen aus südlichen Regionen zu einer Melange aus positiven städtischen Impressionen, die wir übertragen auf die Fußgängerzone als sichtbarste Begegnungszone unmotorisierter Bürger. Wo sich Menschen versammeln, da entsteht Gesellschaft. Der Deutsche Städtetag sieht im öffentlichen Raum „Inbegriff und Symbol für Gleichheit, Toleranz und demokratische Stadtkultur“, weil er für jeden zugänglich sei. Das sind hehre Anträge an den öffentlichen Raum aber auch der zuständige Beigeordnete des Deutschen Städtetags, Folkert Kniepe, räumt ein, dass dieser in einer Krise steckt und dringend der Revitalisierung bedürfe.
Nicht allein die attestierte Krise auch die komplexer gewordene Gestalt der Innenstadt hat dazu geführt, dass es selbst Experten kaum möglich erscheint, den Begriff „Öffentlicher Raum“ scharf zu umreißen. Die Zugänglichkeit ist ein häufig genanntes Kriterium und die damit zusammenhängende Begegnungsfunktion. Doch müssen dort die allgemeinen gesetzlichen Regelungen gelten und muss dieser Raum auch frei von privater Regulierung sein, die potentiell die freie Zugänglichkeit begrenzt? Auf den ersten Blick mag eine solche Fragestellung konstruiert erscheinen, aber in einem Einkaufszentrum wird man nicht erwarten können, dass die privatwirtschaftlich agierenden Betreiber allen Bürgern das Recht auf Versammlungsfreiheit einräumen und schon die bloße Anwesenheit werden sie jenen nicht erlauben, die mutmaßlich nicht zum Umsatz beitragen werden oder ihn gar durch unkonformes Verhalten gefährden. Hier schlägt die Betriebswirtschaft alle gesellschaftlichen Ideale.

Die Stadt als Ganzes ist eine Erzählung über das Zusammenleben der Menschen
Abseits solch komplexer Fragestellungen ist der öffentliche Raum zunächst eigentlich das, was die Stadt ausmacht, ihre Gestalt, in der sich Gegenwart und Geschichte spiegeln, also auch die Verfasstheit der Gesellschaft. Schon die einzelnen Häuser mit ihrer Architektur sprechen über Moden und Normen, sind Dokumente von Haltungen und waren stets Projektionsflächen für ideale Entwürfe städtischen Lebens. Die Stadt als Ganzes ist eine Erzählung über das Zusammenleben der Menschen, das sich zeigt in den in Funktionen differenzierten Stadtteilen, den innerstädtischen Verdichtungen, den Reihenhaussiedlungen, Verkehrswegen, den Parks und Alleen, Gassen und Schmuddelecken, den Sportflächen und Plätzen, Nahverkehrslinien und Gewerbegebieten. Die Plätze oberitalienischer Kommunen sprechen über die Geschichte und Gegenwart der Stadt wie die innerstädtischen Verkehrschneisen und Fußgängerzonen der 60er und 70er Jahre. Das alles ist Ausdruck und bietet zugleich den Rahmen öffentlichen Lebens. Im Straßenraum, vor allem in der Innenstadt, in der Fußgängerzone wird das Leben erst öffentlich, dass sich sonst im Privaten verbirgt, hinter Fassaden und Zäunen. Dorthin sieht niemand. Die gemeinsame Stadtwahrnehmung speist sich bei Bewohnern wie Besuchern gleichermaßen aus diesen öffentlichen Räumen, hier wird das Individuum Teil von Gesellschaft, erst hier lässt sich architektonisch wie sozial von einer Stadt sprechen, die hier in der Innenstadt auch lange ihre wichtigsten Funktionen versammelte: Politik, Handel, Kultur, Kirche. Wahlkampf findet auf öffentlichen Plätzen statt, traditionelle Feiern und Demonstrationen, Gedenken und Konsum. Touristen besuchen diese Orte oder durchqueren sie mindestens auf dem Weg zu den Sehenswürdigkeiten, Bewohner passieren sie beim Gang ins Rathaus, in die Kirche, zum Verein oder beim Einkaufen. Fußgängerzonen bilden den Kernbereich des öffentlichen Raums in den Städten, meist finden sich öffentliche Gebäude im unmittelbaren Umfeld, er ist gesäumt von Geschäften und Cafés und möbliert mit Bänken und Kinderspielgeräten, Brunnen und Grünanlagen und nicht selten mit Kunstwerken. Der öffentliche Raum soll Aufenthaltsqualität haben, attraktiv sein, ein Aushängeschild der Stadt.

In der Fußgängerzone von Paderborn. Foto: Harald Morsch

In der Fußgängerzone. Foto: Harald Morsch

Lebendige Stadt
In vielen Innenstädten allerdings ist die Fußgängerzone tatsächlich in die Krise geraten. Am Abend ist sie ausgestorben, weil kaum jemand mehr dort wohnt. Der Online-Handel, Großmärkte und Einkaufszentren ziehen als bequeme Alternativen Kundschaft ab. In Paderborn lässt sich das gut beobachten. In geschwächten Bereichen stehen Geschäfte leer, das Laufpublikum bleibt aus. Wo die Stadt stark ist, verdrängen nicht selten internationale Handelsketten mit ihren umsatzstarken Filialen eingesessene Fachgeschäfte. Die Eigenheiten einer Stadt, ihre Kultur, das gesellschaftliche Leben, das auch an ihrem Warenangebot zu erkennen war, werden vom überall gleichen Konsum zugedeckt. Die Innenstädte werden verwechsel- und austauschbar bis hinunter zu den immergleichen Angeboten für die öffentliche Nahrungsaufnahme im Gehen.
Während die Kaufhäuser schließen, entstehen große zusammenhängende Einkaufspassagen, die schillernde Namen tragen wie Galerie, Arkaden oder Karreé. Mit ihren breiten offenen Eingängen, die oft Straßenzüge imitieren, suggerieren sie Offenheit und Öffentlichkeit. Da die Immobilien im Besitz von Unternehmen sind, ist aber oft nicht nur innerhalb solcher Shoppingmalls nicht die Gemeinde Hausherr, auch im unmittelbar angrenzenden Straßenraum können die Unternehmen Zugangsrecht und Verhaltensmaßregeln bestimmen. Die ECE Projektmanagement GmbH betreibt viele Einkaufszentren bundesweit betreibt und macht Marketing über eine eigene Stiftung, ausgerechnet mit dem Namen „Lebendige Stadt“. Architekten berichten hinter vorgehaltener Hand, die ECE lasse ihre Zentren so gestalten, dass man leicht hineinkomme aber nur schwer den Ausgang finde. Eine längere Verweildauer des Kunden rechnen Marketingstrategen eins zu eins in höheren Umsatz um. Das ist legal, widerspricht aber dem Bild des freien Bürgers, der sich im öffentlichen Raum bewegt und auch dem der „lebendigen Stadt“.

Der öffentliche Raum ist auch ein Raum, in dem gesellschaftliche Konflikte ausgetragen werden.
Selbst in Biergärten und auf Restaurantterrassen verliert mit dem Sondernutzungsrecht der öffentliche Raum seine egalisierenden Eigenschaften. Er wird funktional privatisiert, was zugleich bedeutet, dass er nur noch für bestimmte Gruppen zur Verfügung steht, für solche, die kaufen können und konsumieren. Doch nicht nur Sondernutzungen nehmen Einfluss auf die Nutzbarkeit des Raumes durch bestimmte Gruppen. In manchen Städten werden Bänke abmontiert, die eigentlich als „Stadtmöblierung“ den Raum beleben und ihm Verweilqualitäten geben sollten. Oder sie werden durch solche ersetzt, der Sitzflächen schräg oder gewölbt sind, auf denen man also nicht liegen und auch nur kurzzeitig bequem sitzen kann. Obdach- oder Arbeitslosen soll damit der Aufenthalt verleidet werden. Der öffentliche Raum ist auch ein Raum, in dem gesellschaftliche Konflikte ausgetragen werden.
Er ist zum Debattenthema geworden in der Wissenschaft und den Feuilletons, weil sich dort spiegelt, was die Gesellschaft insgesamt bewegt. Selbst auf der Straße wird um die Stadtgestalt gekämpft, wo sich „Wutbürger“ in die Stadtplanung einmischen in Stuttgart etwa oder in Köln, getrieben offenbar von dem Gefühl, dass zu lange über ihre Köpfe hinweggeplant wurde. Auch grundsätzlichere gesellschaftliche und wirtschaftliche Konflikte fließen ein in die Auseinandersetzung um den öffentlichen Raum. Wie wollen wir leben? Was wollen wir kaufen? Wer soll daran verdienen? Und wie es das Kunstprojekt „Tatort Paderborn“ fragt:

Diesen Aufsatz schrieb der Autor und Kulturjournalist Dr. Jörg Biesler für den Katalog zum Kunstprojekt TATORT PADERBORN – Phänomen Fußgängerzone. Wir haben ihn für unseren Blog leicht gekürzt und veröffentlichen hier demnächst Teil 2.