Ooze Architects, Rotterdam

© Thorsten Arendt

© Thorsten Arendt

Hortus Oblitus
Hochbeete, bepflanzt mit Kräutern und Heilpflanzen, bestehend aus ca. 100 Holzkisten, zwei verschiedene Maße und Höhen, Grasbeete auf Bodenniveau
OOZE Architects gegründet 2003, Eva Pfannes *1970 und Sylvian Hartenberg *1968, leben beide in Rotterdam
Standort: am Kamp, Platz vor der Marktkirche

Auf dem großen Vorplatz der Marktkirche legen Ooze Architects eine Gartenlandschaft aus Hochbeeten an. Die quadratischen Module werden mit Heilpflanzen, Kräutern, Stauden oder Gehölzen bepflanzt. Einige von ihnen sind längst in Vergessenheit geraten. So entsteht eine Art moderner Klostergarten mitten in der Einkaufszone. Die Arbeit setzt stadtplanerische und ästhetische Akzente, indem sie eine prominente, innerstädtische Freifläche neu nutzt und Grundgedanken des Urban Gardening aufnimmt. Gemeint ist die Rückkehr von Nutzpflanzen in einen Lebensraum, aus dem sie schon vor langer Zeit verdrängt wurden. Und es geht nicht nur um das Züchten von Verzehrbarem. Wo es Urban Gardening gibt, entstehen auch neue Treffpunkte und grüne Oasen.

Eva Pfannes studierte an der Kunst-Akademie Stuttgart und der Bartlett Architekturschule London. Anschließend arbeitete sie bei Maxwan architects + urbanists in Rotterdam und Zaha Hadid Architects in London. Sie war als Tutorin sowie Gastkritikerin tätig und unterrichtet an der Eindhoven Design Academy (NL).
Sylvain Hartenberg studierte an der Ecole Nationale Supérieure des Arts et Industries (ENSAIS) in Straßburg und an der Bartlett Architekturschule London. In Paris und London arbeitete er für Architekturbüros und war als Gastkritiker für Barlett und North London Polytechnic tätig.

www.ooze.eu.com
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Ein Gartengespräch am Tatort Paderborn 2014

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Grün, bunt und üppig, statt grau und kahl: Beim Kunstprojekt TATORT PADERBORN “erblühte” der Platz vor der Paderborner Marktkirche. Sonst nur als Durchgang zur Kirche genutzt, haben Ooze Architects mitten in der Innenstadt einen Ort zum Treffen, Verweilen, in Ruhe genießen und Plaudern geschaffen – den Hortus Oblitus. Hier wachsen rund 100 verschiedene Heil- und Nutzpflanzen (siehe auch Blogbeitrag vom 16. Juni). Und das Projekt der Rotterdamer Künstler/innen wirkt ansteckend, unterdessen wollen viele Paderborner die Idee des Urban Gardening aufgreifen. Grund genug für uns, einmal mit Stefanie Strauß zu sprechen, die den Paderborner Hochbeet-Garten betreut.

Wie kam es dazu, dass Sie an diesem Kunstwerk mitarbeiten? Und was ist Ihre Aufgabe?
Ich bin Gästeführerin im Ruhgebiet und beschäftige mich seit vielen Jahren mit Pflanzen, insbesondere mit Kräutern. Bei der EMSCHERKUNST 2010 habe ich bereits mit Ooze Architects zusammen gearbeitet. Jetzt bin ich sozusagen als Managerin für den Garten zuständig. Ich habe das Saatgut beschafft, die Anzucht in Auftrag gegeben,  organisiert, dass die Pflanzen hierher gebracht wurden und war auch beim Einsetzen dabei. Ich komme einmal pro Woche und kümmere mich um die Beete.

Nach welchen Kriterien wurden die Pflanzen ausgesucht?
Ich habe Listen erstellt und die mit den Künstlern besprochen. Dann fiel hier und da nochmal jemandem etwas Neues ein. So haben wir gemeinsam die Auswahl zusammengestellt. In den Listen gab es auch die Rubrik Giftpflanzen, die natürlich dazu gehören, wenn man sich mit Pflanzen und ihrer Wirkung beschäftigt. Aber solche konnten wir natürlich nicht setzen. Und für mich sind vor allem vergessene Kräuter sehr wichtig, oder solche, deren Wirkung bzw. Nutzen in Vergessenheit geraten ist.

Woher kennen Sie die Wirkung der Pflanzen?
Es gibt ja jede Menge alter Pflanzenbücher, und da ich mich schon lange mit dem Thema beschäftige, kenne ich mich ganz gut aus. Manches weiß ich auch aus eigener Erfahrung, weil ich die Pflanzen aus meinem eigenen Garten auch für mich selbst nutze. Vieles habe ich aber auch extra für dieses Projekt genauer recherchiert.

Haben Sie besondere Lieblinge in diesen Kisten?
Oja, die Artischocke beispielsweise. Die ist eher im Mittelmeerraum beheimatet. Es ist doch beeindruckend, wie gut sie hier gedeiht! Oder der Amaranth: Der wächst eigentlich in Südamerika. Wenn man die langen roten Blüten zerreibt, kommen die kleinen Früchte hervor, die man auch als Lebensmittel kennt. Und das Basilikum in seiner Sortenvielfalt natürlich, einfach weil ich es so gerne mag. Im Küchengarten schneidet man es meist vor der Blüte  zurück, damit es nochmal gut ins Kraut geht. Hier haben wir das nicht gemacht, und so sieht man die schönen Blüten. Überhaupt war es ja Teil der Idee, dass alles wachsen und sich entfalten kann. Dieser Ort soll kein “geleckter” Garten sein, aber natürlich greife ich auch ein wenig ein. Nach Libori mussten wir etwas aufräumen, aber das ist eben so im öffentlichen Raum.

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Ist alles gut geraten? Oder sind auch Verluste zu beklagen?
Die Kamille ist leider eingegangen, und auch die Petersilie kam nicht richtig. Ich habe mit der Gärtnerin vom Werkhof in Dortmund, die die Pflanzen für uns vorgezogen hat, gesprochen, und sie meint, dass es in diesem Jahr dafür einfach zu feucht und warm war. Mehltau ist dann ein Thema. Der Borretsch etwa, der war dadurch komplett weiß.

Sind Sie dennoch mit dem Ergebnis zufrieden? Ist das hier ein Platz, an dem Sie gerne sind?
Auf jeden Fall. Ich bin jedes Mal ganz überwältigt von der Pracht. Wenn ich Pflanzen so gedeihen sehe, empfinde ich immer eine gewisse Demut. Zwar stoße ich etwas an und schaffe eine möglichst gute Grundlage, aber wenn ich das Ergebnis sehe, merke ich genau, dass die Natur die eigentliche Leistung erbringt.

Wie wurde hier die Basis für das Gedeihen der Pflanzen geschaffen?
Besonders gute Erfahrungen habe ich mit einer Kombination aus guter Erde und gutem Saatgut, der richtigen Anbauweise, dem perfekten Zeitpunkt und natürlich Liebe zum Gärtnern. Bei der Erde probiere ich noch aus. Das konnten wir hier noch nicht berücksichtigen. Das Saatgut stammt von Demeter, also aus biologische-dynamischem Anbau, es wurde auch entsprechend vorgezogen. Beim Pflanzen haben wir uns am anthroposophischen Pflanzkalender orientiert. Außerdem bin ich überzeugt, dass, wer Pflanzen liebt, auch schöne Pflanzen bekommt.

Wie stehen Sie generell zu der Idee des Urban Gardening, bei der – verkürzt gesagt – Nutzpflanzen im öffentlichen Raum angebaut werden?
Das finde ich toll. Es ist immer eine Bereicherung. Meiner Erfahrung nach, kann man über Garten und Natur immer kommunizieren. Da gibt es keine Grenzen und weniger Berührungsängste. Bei meinen Besuchen hier komme ich immer mit jemandem ins Gespräch. Die Leute erzählen von ihrem eigenen Garten oder von Erinnerungen an Pflanzen. Einmal kam eine Frau vom Markt mit ihren frisch erworbenen Bohnen und bat mich um ein bisschen Bohnenkraut, weil sie das nicht bekommen hatte. Da kamen wir ins Fachsimpeln über Bohnenkraut und mehr.

Was passiert mit den Pflanzen, wenn die Ausstellung am 7. September endet?
Man muss sich damit abfinden, dass bei so einem temporären Projekt, eben alles  endlich ist. Aber hier gibt es auch ein Weiterleben: Einige Kisten, die zu Libori weichen mussten, sind ja bereits an der Stadtbibliothek untergebracht worden und sehen dort toll aus. Die mehrjährigen Pflanzen wollen wir nach derzeitiger Planung an Interessierte weitergeben. Es haben sich schon viele gemeldet, die sie in Obhut nehmen möchte. Es sind Urban-Gardening-Initiativen dabei, aber auch Kindergärten u.ä. Die einjährigen Pflanzen werden wir am letzten Tag ernten und verschenken.

Das Gespräch führte Heike Haase.

 

 

Wildes und Heilsames

© Thorsten Arendt

Mehr als 100 nützliche Pflanzen wachsen und gedeihen prächtig im “vergessenen” Garten von Ooze Architects

Hortus Oblitus von Ooze Architects ist eine temporäre Installation des Kunstprojekts TATORT PADERBORN, die das Thema des mittelalterlichen Gartens  aufgreift und auf dem Vorplatz der Paderborner Marktkirche neu umsetzt. Hundert verschiedene Nutzpflanzenarten des Mittelalters wachsen in den Kistenreihen: Getreide, Kräuter, Stauden und Büsche, heute vergessen und kein Teil der Stadtlandschaft mehr; verschiedene Arten von Heilpflanzen und normalerweise als Unkraut geltende Gewächse, wie etwa Brennnesseln. Einige der Pflanzkisten sind mit Gras bedeckt und laden vor der Kulisse des steinernen Platzes als weiche, grüne Bänke zum Platznehmen und Entspannen ein, inmitten der grünenden und blühenden Gartenlandschaft. Einige andere Kisten wachsen aus den Begrenzungsmauern hinaus und dringen bis in den Raum der Fußgängerzone hinein.

An die 100 verschiedene Heil- und Nutzpflanzen setzten Eva Pfannes und Sylvain Hartenberg (Ooze Architects) zusammen mit der Gärtnerin Stefanie Strauß aus Dortmund. Manches nennen wir heute gemeinhin Unkraut, anderes begegnet uns noch immer in Apotheken und Drogerieregalen, und bei einigem macht es allein die Dosis, dass das Ding kein Gift sei…

Ackerschachtelhalm / Equisetum arvense / getrocknete Sprossen harntreibend, blutstillend, früher Putzen von Zinngeschirr — Beifuß / Artemisia vulgaris / Verdauungsstörungen, Wurmmittel, appetitanregend — gemeiner Beinwell / Symophytum officinale / heißer Breiumschlag lokale Behandlung Knochenbrüche, Blutergüsse, Wundheilung — Blutweiderich Lythrum salicaria / Durchfall, blutstillend — Brennessel / Urticaria dioica / harntreibend, äußerlich: frisches Kraut durchblutungsfördernd, junge Blätter:  Suppen,Gemüse — Efeu / Hedera helix / schleim- und krampflösend bei Bronchitiden — Eibisch / Althea officinalis / schleimlösend, Magenbeschwerden — Gänseblümchen / Bellis perennis / Prellungen, Ekzeme, junge Blätter als Salat — Gänsefingerkraut / Potentilla anserina / menstruationskrampflösend, Bitterstoff zum Gurgeln — gewöhnliches Leinkraut / Linaria vulgaris / abführend, harntreibend, Bettnässen, Hämorrhoiden

Giersch

Giersch / Aegopodium podagraria / Gicht, Rheuma, junge Blätter als Salat

Giersch / Aegopodium podagraria / Gicht, Rheuma, junge Blätter als Salat — Glockenheide / Erica tetralix / fiebrige Erkrankungen,Husten — Gundermann / Glechoma hederacea / Magen-Darmkartarrh, äußerlich: schlecht heilende Wunden, junge Blätter als Salat — Johanniskraut / Hypericum perforatum / Antidepressivum, Nervenleiden, äußerlich: wundheilend, als Öl gegen Nervenschmerzen, Achtung! Photosensibel! — Kamille / Chamomilla recutita / Entzündungshemmend, krampflösend Magen, Darm, Menstruation, äußerlich: Entzündungen der Haut, Schleimhaut eiternde Wunden — Klatschmohn / Papaver rhoeas / Beruhigend, Husten, Heiserkeit — Königskerze / Verbascum tensiflorum / Schleimlösend, äußerlich: schlecht heilende Wunden, Gurgelmittel — Kriechender Günsel / Ajuga reptans / gerbstoffhaltig, Magendarmbeschwerden, entzündungshemmend, Rachenraum,Wunden — Magentamelde / Atriplex hortensis / blutreinigend, abwehrstärkend junge Blätter als Salat, Spinat — Nachtkerze / Oenothera biennis / Öl bei Hauterkrankungen, Lebererkrankungen,  Bluthochdruck, rheumatische Arthritis, fleischige Wurzel eßbar wie Schwarzwurzel — Natternkopf / Echium vulgare / Wunddesinfizierend , schwach giftig — Rainfarn / Tanacetum vulgare /  Wurmmittel, Verdauungsstörungen, Wundbehandlung — Seifenkraut / Saponaria officinales / Schleimlösend, harntreibend, chronische Hautleiden, früher als Waschmittel — Schafgarbe / Achilea millefolium / krampflösend, entzündungshemmend, bei Verdauungs– oder Menstruationsstörungen, Hautleiden, Wundbehandlung — Weißer Senf / Sinapsis alba / Speise–Senf, verdauungsfördernd, antibakteriell — Walderdbeere / Fragaria vesca /  Blutreinigung, als Essenz gegen Frostbeulen — Wegerich / Plantago lanceolata-major / Hustenmittel, Wundbehandlung blutgerinnungsfördernd, erfrischt müde Füsse, frische Blätter in Schuhe legen — Wegwarte / Cichorium intybus /  verdauungsfördernd, kräftigend, harn-galletreibend, Wurzel geröstet als Kaffeersatz, Bitterstoff — Wilde Karde / Dipsacus fullonium / rissige Haut und Schleimhaut (Anus) chron. Hautleiden—

Pfingstrose

Pfingstrose / Paeonia officinalis / gegen Albträume, Hysterie, Epilepsie, Gicht, äußerlich: Hämorrhoiden

Pfingstrose / Paeonia officinalis / gegen Albträume, Hysterie, Epilepsie, Gicht, äußerlich: Hämorrhoiden — Ringelblume / Calendula officinalis/  Öl antibiotische Wirkung, entzündungshemmend, äußerlich auf schlechtheilende Wunden, Geschwüre, Halsentzündungen — Rosmarin / Rosmarinus officinalis / Gewürz, belebend, Öl für Einreibungen, durchwärmend, schmerzstillend bei Nervenschmerzen,  Rheuma — Schnittlauch / Allium schoeneprasum / Vitamin-C-haltig, verdauungsfördernd — Schwarzer Senf / Brassica nigra / Samen gemahlen, als Breiumschlag, stark durchblutend, auswurffördernd, bei Rheuma und Nervenschmerzen.

 großes Bild: © Thorsten Arendt

Neugierig geworden? Wir machen weiter und stellen hier demnächst noch andere Pflanzen und ihre Wirkungen vor.

Der Garten wächst, der Elefant steht schon da, der Pfau nimmt seinen Platz ein

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Tatort Paderborn 2014 nimmt Gestalt an

Eine Woche vor der Eröffnung ist das Kunstprojekt schon überall in der Paderborner Fußgängerzone präsent, und eine Stimmung zwischen großer Neugier, ein bisschen Stress und viel gespannter Vorfreude ist spürbar. Markus Ambachs White Elephant ist schon so gut wie fertig, am Theodorianum bekommt der Neon-Pfau von Silke Wagners Sometimes zusehends mehr Kontur, und gleich nebenan, auf dem Vorplatz der Marktkirche,  herrscht geschäftiges Treiben, wo Ooze Architects mit ihren Mitarbeitern Hortus Oblitus anlegen.

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Das große Bild zeigt “White Elephant” von Markus Ambach im Aufbau

Urban Gardening auf dem Kirchplatz

Modell zur Arbeit von Ooze Architects (Detail)
© Ooze Arcitects

Das Künstlerduo Ooze bringt Nutzpflanzen in die Stadt

Auf dem großen Vorplatz der Paderborner Marktkirche legen Ooze Architects – Eva Pfannes und Sylvian Hartenberg – eine Gartenlandschaft aus Hochbeeten an. Die quadratischen Module werden mit Heilpflanzen und Kräutern, Stauden oder Gehölzen bepflanzt. Einige von ihnen sind längst in Vergessenheit geraten. So entsteht eine Art moderner Klostergarten mitten in der Paderborner Einkaufszone.

Die Arbeit setzt stadtplanerische und ästhetische Akzente, indem sie eine prominente Freifläche in der Innenstadt neu nutzt und Grundgedanken des Urban Gardening aufnimmt.

Dieses Gärtnern in der Stadt, wie es im Prinzessinnengarten von Berlin Kreuzberg oder auf den Dächern von New Yorker Hochhäusern praktiziert wird, ist eine Rückkehr der Nutzpflanzen in einen Lebensraum, aus dem sie schon vor langer Zeit verdrängt wurden. Dabei geht es nicht nur um das Züchten von Pflanzen oder das Erzeugung von Verzehrbarem. Wo es Urban Gardening gibt, findet Kommunikation statt. Es entstehen neue Treffpunkte, grüne Oasen, im besten Fall Orte der Entschleunigung, an denen das Nachdenken über Konsum und seine Folgen ebenso nahe liegt wie die Frage: Wie wollen wir leben?